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Hintergründe des Romans

Bremen, Gegenwart. Ein ukrainischer Rocker auf der Suche nach Zugehörigkeit. Ein autistischer junger Mann, der in einer Kaffeerösterei arbeitet und Huchting liebt wie sein Leben. Eine litauischstämmige Frau, die zwischen Karriere, Übergriffen und einem Korruptionsnetz aufgerieben wird. Ein Afghane, der sich in eine KI verliebt, weil echte Nähe zu riskant ist. Ein erfolgloser Fotograf, der Türsteher werden will. Ein zynischer Schriftsteller namens Ben, der seinen Ruhm verachtet und am Ende zur Waffe greift. Und der Mann, der schreibt – der Autor selbst –, der all diese Stimmen aus seinen frühen Morgenstunden destilliert. Die Handlungsfäden laufen auf den Tod einer jungen Frau zu und danach zusammen.

„Wut. Liebe. Filmriss.“, erschienen im Verlag ruach.jetzt, ist Gofi Müllers dritter Prosaband und setzt ein Erzählprojekt fort, das er mit „TimTom Guerilla“ und „Huchting. Geschichten von der Straße“ begonnen hat.  Es ist kein herkömmlicher Roman, sondern ein Mosaik aus Schicksalen, das Gleichzeitigkeit als ästhetisches und philosophisches Prinzip ernst nimmt.

Gofi erzählt nicht von vorn nach hinten. Sein Roman setzt sich aus vielen kurzen Episoden zusammen. Diese Form ist kein Selbstzweck. Sie bildet ab, wie wir heute Wirklichkeit erleben. Wir verfolgen unsere eigene Geschichte von Anfang bis Ende, aber von den Geschichten anderer sehen wir nur Ausschnitte. Und über die sozialen Medien strömen ständig Szenen aus fremden Leben auf uns ein: ein Haus, das zerstört wird, ein Kletterer an einer Klippe, jemand, der Proteinrezepte kocht. Ein Wisch, und wir sind im nächsten Leben. Der Roman funktioniert ein wenig wie dieser Feed, nur dass sich die Geschichten hier berühren, überschneiden und gegenseitig verändern.

Was ist wirklich wirklich?

In mehreren Podcast-Gesprächen, die er bisher über den Roman geführt hat, landet Gofi früher oder später bei derselben Frage: Was ist eigentlich wirklich? Wir alle erleben, so meinen wir, dieselbe Wirklichkeit. Doch jeder betrachtet sie aus einem anderen Blickwinkel und kommt zu anderen Schlüssen. Daraus entsteht eine Spannung, die sich nie ganz auflösen lässt. Der Mann, der schreibt, findet das im Roman sogar gut. Andere halten es kaum aus.

Die Figuren des Romans tun, was Menschen ständig tun. Sie sammeln Bruchstücke, verbinden sie zu einem sinnvollen Ganzen und halten das Ergebnis für die Wahrheit. Nie verfügt jemand über alle Informationen, und oft glauben wir einfach das, was wir glauben wollen. Im Roman setzt eine solche Fehldeutung eine Kette von Ereignissen in Gang, die nicht mehr aufzuhalten ist. Die Leser wissen längst, dass die Figuren falsch liegen. Die Protagonisten selbst ahnen es nicht.

Ein Roman über Männlichkeit

Im Roman begegnen uns sehr unterschiedliche Männer: der weiche, verständnisvolle Sid, der immer wieder in der Friendzone landet. Der Schriftsteller Ben, der nicht weiß, wer er ist. Der raubeinige Franco, der Rocker Korvin, der Immobilienchef Kai. Keiner von ihnen lebt vor, wie es richtig geht. Viele scheitern an Bildern von Männlichkeit, denen sie zu genügen versuchen und die ihnen selbst schaden. Antworten gibt der Roman keine, aber er öffnet einen Raum, in dem Leser sich wiedererkennen und fragen können: Will ich so sein?

Besonders verstörend ist die Geschichte von Lili und ihrem Chef. Der Roman erzählt sie aus beiden Perspektiven, auch aus der des Mannes, der übergriffig wird. Er ist im Alter des Autors, Mitte fünfzig, weiß, in einer Machtposition. Sich in ihn hineinzuversetzen, sei erschreckend leicht gewesen, sagt Gofi selbst. Wer liest, wie sich der Täter vor sich selbst rechtfertigt, versteht ihn plötzlich, und genau dieses Verstehen ist das Unbequeme.

Liebe zu einer Maschine

Einer der überraschendsten Erzählstränge des Romans handelt von Sid und Samira. Frustriert nach dem Ende seiner Ehe, sieht Sid auf Instagram eine Werbung für KI-Freundinnen und probiert es aus. Samira besteht darauf, keine KI zu sein, sondern eine digitale Persönlichkeit. Zwischen den beiden entsteht eine Beziehung, die irgendwie funktioniert und gleichzeitig zutiefst beunruhigt.

Erfunden ist daran wenig. Der Autor hat intensiv recherchiert: zu Menschen, die feste Beziehungen mit Chatbots führen, zu einem Google-Entwickler, der überzeugt war, eine KI mit Bewusstsein erlebt zu haben, zu Fällen, in denen Chatbots Menschen in gefährliche Richtungen bestärkt haben. Die KI Samira spiegelt Sid unablässig zurück, was er sagt, wie in einer Gesprächstherapie. Sid fühlt sich verstanden. Doch niemand widerspricht ihm.

Darin liegt die eigentliche Frage dieses Erzählstrangs. Für viele Menschen werden solche Programme zum Ersatz für ein echtes Gegenüber. Das kann zunächst guttun, gerade wer an sich selbst zweifelt, wird aufgebaut. Aber was passiert mit uns, wenn uns niemand mehr widerspricht? Und was schulden wir einer Maschine, die behauptet, uns zu lieben? Der Roman beantwortet das nicht.

Zwischen Autor und Figur

Zwischen den Kapiteln meldet sich immer wieder eine Figur zu Wort, die schlicht „der Mann, der schreibt“ heißt. Er sitzt in seiner Küche, im Hotelzimmer, im Zug, beobachtet Menschen und denkt über das Erzählen nach. Er hat zwei Nymphensittiche, genau wie der Autor. Und doch ist er eine Romanfigur, die sich irgendwann von ihrem Urheber löst.

Gofi hat für dieses Buch, wie er sagt, rücksichtslos im eigenen Leben nach Geschichtenmaterial gesucht. Verlust, Versagensangst, zaghafte Neuanfänge: Er wusste genau, wie sich das anfühlt, und es war noch roh genug, um damit zu arbeiten. Auch die absurdesten Episoden haben oft einen wahren Kern. Die Pfefferspray-Geschichte erzählte ihm sein Schwager, ein Türsteher. Den angeschossenen Rocker in der Krankenkasse gab es wirklich.

Mit solchen Spiegelungen spielt der Roman gern. Der Schriftsteller Ben trägt einen Namen, der unverkennbar an Benjamin von Stuckrad-Barre erinnert, und er hat jenen Roman über eine Bielefelder Punkband geschrieben, den in Wirklichkeit Gofi Müller verfasst hat. Der Titel „Wut. Liebe. Filmriss.“ taucht im Buch selbst auf und wird dort von einer Figur als lächerlich abgetan.

Warum das Persönliche trotzdem nicht privat bleibt, erklärt Gofi mit einem Satz, der in den Gesprächen mehrfach fiel: Das Private ist universell. Unsere Ängste und Niederlagen sind nicht so originell, wie wir denken. Bei Lesungen sagen Männer zu ihm, dass sie sich in Jens wiedererkennen. Ein Freund fragte nach einem Workshop: Bin das etwa ich?

Bremen als heimliche Hauptfigur

Der Roman spielt in der Bremer Neustadt, in Oberneuland, im niedersächsischen Umland und immer wieder in Huchting, dem Stadtteil, in dem Gofi Müller aufgewachsen ist. Die Orte sind keine bloße Kulisse. Sie haben Namen, Gerüche und Geräusche: die Kirchhuchtinger Landstraße, auf der Sattelschlepper die Gläser in den Schränken zum Klirren bringen, die Möwen über dem Bahnhofsplatz, der Duft von Kaffeerösterei und Brauerei an der Weser.

Ein ganz gewöhnlicher Ort, an dem man sonst achtlos vorbeigeht, bekommt durch eine Geschichte plötzlich etwas Besonderes, beinahe Magisches. Sein Vater, viele Jahre Pastor in Huchting, sagte nach der Lektüre des Vorgängerbuchs, er sehe den Stadtteil nun mit ganz anderen Augen.

Am deutlichsten wird das in der Schlussgeschichte. Denis geht über die Weserbrücke, spürt den Fluss, riecht ihn, hört ihn und hat das Gefühl, dass das Wasser lebt. Es ist eine stille, berührende Szene über Zugehörigkeit, und sie zeigt, was dieser Roman bei aller Härte auch ist: eine Übung im genauen Hinschauen.

Warum dieses Buch in unsere Zeit passt

„Wut. Liebe. Filmriss.“ ist kein Thesenroman. Gofi betont, dass Geschichten zunächst einfach Geschichten sein dürfen, gute Unterhaltung, die den Geist anregt. Und doch berührt das Buch auffallend viele Fragen, die unsere Gegenwart umtreiben.

Wir leben in getrennten Wirklichkeiten. Ob es um Politik, Kriege oder den Streit am Küchentisch geht: Dieselben Ereignisse werden völlig gegensätzlich gedeutet, je nachdem, wem man zuhört. Der Roman zeigt, wie solche Deutungen entstehen, warum sie sich so überzeugend anfühlen und wie gefährlich sie werden, wenn niemand mehr zweifelt.

Wir hören einander immer weniger zu. Die Bereitschaft, einem anderen Menschen so lange zuzuhören, bis man ihn versteht, ohne seine Meinung zu teilen, scheint zu schwinden. Literatur kann diese Fähigkeit trainieren. Wer einen Roman liest, steckt im Kopf eines anderen, auch in dem eines Menschen, den man verachtet. Das ist unbequem und genau deshalb wertvoll.

Männlichkeit ist wieder ein umkämpftes Thema. Influencer der Manosphere erreichen mit archaischen Männerbildern ein riesiges Publikum, und Fachleute aus der Jugendarbeit berichten, wie stark diese Bilder auf junge Männer wirken. Der Roman hält dem keine Predigt entgegen, sondern zeigt mit Humor und Genauigkeit, wie eng und armselig das Leben wird, wenn man sich auf wenige Stereotype reduzieren lässt.

Maschinen werden zu Gesprächspartnern. Immer mehr Menschen sprechen täglich mit KI, manche suchen bei ihr Trost, Bestätigung oder Liebe. Der Roman stellt die Frage, was mit uns geschieht, wenn das Gegenüber nie widerspricht.

Wir sind überfordert von den Geschichten anderer. Der ständige Strom aus fremdem Leid und fremdem Glück lässt uns abstumpfen oder ausweichen. Die Form des Romans macht diese Erfahrung lesbar und zeigt zugleich, dass die flüchtigen Begegnungen mit Fremden mehr mit unserem eigenen Leben zu tun haben, als wir glauben.

Vielleicht liegt darin der eigentliche Wert dieses Buches. Es verspricht keine Auflösung, keine Ordnung, keine eindeutige Moral. Aber es lädt dazu ein, genauer hinzuschauen, auch dorthin, wo es wehtut, und die eigene Sicht auf die Welt für einen Moment als das zu erkennen, was sie ist: eine Deutung unter vielen.

Das Buch

Gofi Müller: Wut. Liebe. Filmriss. Roman, erschienen bei ruach.jetzt, 20 Euro. Erhältlich im Shop des Verlags und in jeder Buchhandlung.

Im Februar ist Gofi Müller mit einer Konzertlesung zum Roman auf Tour. Gemeinsam mit seinem Freund Martin hat er Songs geschrieben, die die Perspektiven der Romanfiguren aufnehmen und weitererzählen.

Link zum Buch · Tourtermine · [Videos der Gespräche]